Vor einiger Zeit habe ich seit Langem mal wieder World of Warcraft (WoW) gespielt. Und zwar eine ganz besondere Variante: Hardcore. Das Prinzip ist simpel, aber unerbittlich: Stirbt der eigene Charakter, ist das Spiel endgültig beendet. Für Außenstehende mag das vielleicht nicht so spannend klingen – aber wer Hunderte Stunden Spielzeit investiert hat, will diesen Fortschritt um jeden Preis beschützen.

Entsprechend groß ist die Spannung, besonders, wenn man sich im Team größeren Herausforderungen stellt. In Gruppen von fünf oder mehr Spielern ist Verlass das oberste Gebot. Ist ein Teammitglied unaufmerksam oder macht einen Fehler, stirbt im schlimmsten Fall die ganze Gruppe - und hunderte Spielstunden sind für alle unwiederbringlich verloren.

Sich in dieser Konstellation auf jemanden verlassen zu können, bedeutet drei Dinge:

  1. Das Mitglied ist fokussiert und arbeitet auf das gemeinsame Ziel hin.
  2. Das Mitglied kennt seine Rolle und füllt sie aus.
  3. Das Mitglied ist vorbereitet.

Tritt man in WoW Hardcore einer Gruppe bei, wird man Zeuge eines magischen Phänomens: Jeder kennt diese Regeln und befolgt sie strikt. Die Spieler kommen vorbereitet und nehmen konzentriert ihre Rolle ein.

Warum mich das so fasziniert? Weil genau dieses funktionierende Regelwerk in unseren alltäglichen Meetings fast völlig fehlt. Ich beobachte dagegen oft Folgendes:

Fokus auf das gemeinsame Ziel

In den meisten – speziell virtuellen – Meetings ist völlig unklar, was eigentlich das Ziel ist. Mit etwas Glück gibt es eine sprechende Headline, oft aber nur inhaltsleere Titel wie "Absprachen" oder gar keine Terminbeschreibung. Wenn das Ziel fehlt, verliert man schnell die Konzentration oder bringt sie gar nicht erst mit. Die Folge sind Sätze wie: "... äh, könnt ihr die Frage noch mal wiederholen?"

Also:

  • Seid bei der Sache, vor allem bei Remote-Terminen. Wenn euch etwas ablenkt, gebt dem Team Bescheid, dass ihr kurz raus müsst.
  • Wenn ihr den Termin einstellt: Gebt dem Meeting einen ordentlichen Namen und formuliert ein klares Ziel in der Einladung. Schreibt am besten direkt dazu, wie man sich vorbereiten kann. Wer denkt, das brauche man für eine "kurze Abstimmung" nicht, irrt sich gewaltig!

Die eigene Rolle einnehmen

In WoW fängt ein Heiler nicht plötzlich an, sich in den Nahkampf zu stürzen. In unseren Meetings hingegen werden Rollen oft einfach über Bord geworfen. Da fängt der Backend-Engineer an, mit dem UX-Designer über Button-Positionen zu diskutieren, oder der Product Owner (PO) mischt sich ungefragt in die Wahl der Validierungs-Bibliothek des Frontend-Teams ein.

Natürlich ist Neugier nicht verboten und clevere Nachfragen können Klarheit schaffen. Dennoch ist ein Meeting am effizientesten, wenn jeder primär seine eigene Expertise einbringt, anstatt die Domänen der anderen zu kapern.

Also:

  • Verinnerlicht eure Rolle vor jedem Meeting. Warum seid ihr eingeladen? Welche Expertise wird von eurer Rolle erwartet – und welche explizit nicht?
  • Konzentriert euch darauf, wie ihr mit euren Fähigkeiten das Ziel des Meetings erreichen könnt.

Die richtige Vorbereitung

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, doch die Realität sieht oft anders aus. Oft wird ein Termin, in dem man eigentlich eine Lösung für ein Problem erarbeiten möchte, erst einmal dazu genutzt, das Problem überhaupt zu beschreiben und zu untersuchen. Diese Analyse muss im Vorfeld passieren! (Zugegeben: Wenn das Meeting – wie in Punkt 1 beschrieben – kein klares Ziel hat, fällt auch die Vorbereitung schwer.)

Zur Vorbereitung gehört übrigens auch das pünktliche Erscheinen. Das Meeting beginnt zum geplanten Zeitpunkt, mit allen Teilnehmern. Ein befreundeter Scrum-Master hat mir dazu mal einen tollen Satz mitgegeben: "Die, die da sind, sind die richtigen."

Also:

  • Seid pünktlich.
  • Wenn ihr an einem Meeting teilnehmt, informiert euch vorher. Fragt ggf. sogar die einladende Person nach Informationen.
  • Wenn ihr einladet, versendet vor dem Termin notwendige Dokumente oder verweist auf diese in der Einladung.

Fazit: Übernimm Verantwortung für das Meeting

Neben den oben beschriebenen Regeln gibt es noch eine Sache, bei der ich mich ab und zu selbst ertappe: Wenn ein Meeting vom Kurs abkommt und ein Thema behandelt wird, das mich vermeintlich nichts angeht, schalte ich mein Mikrofon stumm und checke geistig aus.

Das ist der bequeme Weg, aber er ist falsch. In WoW Hardcore bedeutet mangelnde Aufmerksamkeit oft das Ende der Gruppe. Im Berufsalltag bedeutet es verschwendete Lebenszeit. Übernimm Verantwortung! Wenn die Diskussion nicht mehr zum eigentlichen Meeting-Ziel passt, bring dich ein. Fordere Klarheit ein, hol die Gruppe zurück auf Kurs und trage aktiv deinen Teil zum Erfolg des Meetings bei – oder sprich an, dass du den Termin verlässt, wenn deine Rolle hier wirklich nicht mehr gebraucht wird.