Ein kurzes Gedankenexperiment: Erstelle eine Liste mit allen Tätigkeiten, die du an einem Arbeitstag bearbeitest. Notiere zu jeder Aufgabe, wie viel Zeit sie beansprucht, welche Programme oder Tools du dafür benutzt und ob du dafür andere Menschen brauchst.
Als Vergleich eine (sicher etwas vereinfachte) Liste von mir vor zwei Jahren, als ich noch als freiberuflicher Softwareentwickler tätig war:
- Software entwickeln | 5 Stunden | Entwicklungsumgebung | alleine
- Reviews | 2 Stunden | Entwicklungsumgebung | mit einer anderen Person
- Abstimmungen | 1 Stunde | Microsoft Teams | mit Team
Damals habe ich täglich etwa fünf Stunden Programmcode geschrieben. Heute übernimmt das eine künstliche Intelligenz. Sie schreibt Code nicht nur viel schneller, sondern oft auch besser.
Kommen wir also zurück zu deiner Liste: Jede Tätigkeit, die du alleine ausführst und die bis zu sechs Stunden dauert, wird künftig von einer KI gelöst werden können. Dass sie das jetzt noch nicht macht, liegt meist daran, dass ihr der Zugriff auf die benötigten Ein- und Ausgaben der Informationen fehlt. Die notwendige Intelligenz ist bereits da – es mangelt an der Integration und dem Zugriff auf die Daten.
Die Organisation METR (Time Horizon 1.1) führt dazu passende Tests durch: Sie nehmen Aufgabenlisten, ähnlich der aus unserem Gedankenexperiment, und geben diese aktuellen Large Language Models (LLM). Die Aufgaben reichen von simplen Dingen wie dem Beantworten einer E-Mail, etwas im Internet suchen bis hin zu komplexen Sachen. Dann wird geprüft, welche dieser Aufgaben das LLM völlig ohne menschliche Hilfe erfolgreich lösen kann.
Vor ungefähr einem Jahr haben KI-Modelle autark Aufgaben bewältigt, für die ein Mensch etwa 10 Minuten benötigt. Heute, nur 12 Monate später, lösen sie erfolgreich Aufgaben, für die ein Experte rund 6 Stunden brauchen würde. Und dieser Trend steigt sehr stark (die Aufgabendauer verdoppelt sich alle 7 Monate).
Diese Entwicklung verdeutlicht: Über kurz oder lang kann jede Aufgabe, die im Büro-Umfeld ohne Kollegen bearbeitet wird, durch eine KI erledigt werden. Es fehlt derzeit nicht an der Intelligenz, sondern an der Integration.
Schlussfolgerungen für den privaten Sektor
Unternehmen müssen ihre Produktentstehungsprozesse komplett überdenken. Viele Firmen haben heute noch Schwierigkeiten, überhaupt ein rollenbasiertes agiles Vorgehensmodell zu etablieren. Mit dem Einzug von LLMs in unseren Arbeitsalltag müssen solche Konzepte nun grundlegend in Frage gestellt und bisherige Strukturen komplett überarbeitet werden.
Schlussfolgerungen für den öffentlichen Sektor
Um als Gesellschaft den vollen Nutzen aus dieser neuen Intelligenz ziehen zu können, müssen sämtliche Informationen und Vorgänge digitalisiert und verfügbar gemacht werden. Der wohl wichtigste Schritt ist vorerst also gar nicht die Implementierung von KI, sondern die unbedingte Digitalisierung aller Prozesse, damit sie irgendwann von KI gesteuert werden können.
Ich sehe dieser Entwicklung sehr positiv entgegen. Derzeit entwickeln kluge Köpfe Werkzeuge, die es allen Menschen ermöglichen werden, sich wieder auf andere, wertschöpfendere Aufgaben zu fokussieren. Allerdings legt die KI unsere bisherigen Versäumnisse bei der Digitalisierung schonungslos offen. Denn wenn etwas nicht digitalisiert ist, bleibt es für die KI unerreichbar.